Von fremden Ländern in eigenen Städten | Konzept
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Konzept

KONZEPT VON FREMDEN LÄNDERN IN EIGENEN STÄDTEN

 

DER BAHNHOF

 

Der Bahnhof ist ein besonderer Ort in der Stadt. Kaum ein anderer ist mit so vielen Projektionen belegt wie dieser. Als Empfangsraum und Portal verknüpft er das Lokale mit dem Globalen, das Eigene mit der Welt. Das ihn umgebende Quartier ist ein Übergangsort, eine ambivalente Grauzone zwischen den Welten, in der sich dieser Wechsel zeigt. Es ist der Ort des Fremden, das anders und zugleich anziehend erscheint. Der Traum von Reisen in fremde Länder mischt sich mit den Träumen jener, die aus der Ferne zu uns kommen. Als Abfahrts- und Ankunftsort beherbergt er das Fantastische, die Anziehungskraft des Fremden wie auch das Unheimliche.

Im Strom der Reisenden verbirgt sich oft das, was andernorts in der Stadt keinen Platz gefunden hat. Menschen ohne Ort, Rotlichtmilieu und Künstler, Andersdenkende und Anderes, Anziehendes und Abgründiges. Gleichzeitig versammelt sich um den Bahnhof die Welt. Menschen aus verschiedensten Ländern spiegeln sie an einem Ort. Die internationalen Quartiere gleichen einer Miniatur dieser Welt. Sie gehören zur Weltstadt wie der Garten zum Haus. Sie vermitteln zwischen uns und der Welt, sie erlauben es uns, uns der Welt behutsam zu nähern.

 

IN DÜSSELDORF

 

Wie kaum ein anderes Quartier in Düsseldorf zeigt sich das Bahnhofsviertel als komplexer wie problematischer, heterogener wie unbekannter Stadtraum, der aktuell nach seiner Zukunft sucht. Um das zentrale Stationsgebäude sammeln sich unterschiedlichste Stadtteile mit mannigfaltigen lokalen und internationalen Prägungen, Bedürfnissen und Ansprüchen. Zu lange wurde hier besonders seit den 80er Jahren über die Interessen der Bewohner hinweg gedacht, geplant und gebaut.

 

EIN RUNDGANG

 

Ein Rundgang zeigt einen stark zergliederten Stadtraum, in dem gerade die kleineren Anlieger versuchen, diesem wieder ein menschliches Maß und Lebensqualität zu verleihen. Vom Worringer Platz, der mit vielen Problemen behaftet ist und trotzdem auch als Zentrum der subkulturellen Szene mit direktem Anschluss zum neuen kreativen Zentrum in Flingern aufwarten kann, erstreckt sich eine hochproblematische Zone mit Busbahnhof und mannigfaltigen architektonischen Fragwürdigkeiten der 80er Jahre bis hin zum Konrad-Adenauer-Platz. Diese Passage, die als fußgänger- und fahrradfeindlicher Verkehrsraum par excellence gesehen werden muss, wird überspannt und flankiert von der Interimsspielstätte „Central“, mit der das Schauspielhaus Düsseldorf erfolgreich versucht, einen nachhaltigen Kontakt zur Stadt aufzubauen.

Am Konrad-Adenauer-Platz stellt sich dann vehement die Frage, wie eine Stadt ihre Gäste empfängt. Zwischen Budenkultur und Rheinbahnverkehr bleibt kaum ein Zentimeter Platz, um auf die Qualitäten der Stadt zu verweisen. Die bauliche Umgebung in Richtung Innenstadt trägt ihr Übriges zu diesem fatalen ersten Eindruck bei, der den Besucher flugs in die U-Bahn gen Altstadt treibt und entkommen lässt.

Dabei haben die Straßen in Richtung Kö-Bogen und Kö so einiges zu bieten, das so zunächst unentdeckt bleibt. Auf der Bismarckstraße findet sich eine angenehme wie spannende Folge von Cafés, Ladenlokalen und Restaurants, mit denen gerade die griechische Gemeinde den Ort belebt. Kultureinrichtungen, Kunstauktionen und das als Little-Tokyo bekannte asiatische Viertel um Ost- und Immermannstraße verdichten hier den ersten Eindruck eines international quarters.

Folgt man vom Bahnhof aus dem Weg nach Bilk durchquert man ein Areal, das mancher als Rotlichtviertel bezeichnet. Auch wenn dieses zu den Klassikern des Bahnhofsmilieus zählt, wird die Gegend zwischen Stresemann- und Mintropplatz dadurch zu einseitig bewertet. Neben einigen Tabledance-Bars zeichnet sich das Viertel vielmehr durch seine versteckten Legenden wie das ehemalige Tonstudio der Band Kraftwerk und berühmte Atelierhinterhäuser aus.

Auch das Viertel um die Ellerstraße wird gerade in letzter Zeit falsch eingeschätzt. Wo ein Ort, an dem verschiedenste Ethnien seit Jahrzehnten friedlich zusammenleben, durch Razzien und wenige Einzeltäter immer wieder als kriminelle Hochburg in Verruf gebracht wird, spielt sich im Realen ein multikulturelles Miteinander ab, das für Viele als Ort zum Wohnen, Leben, Arbeiten und Einkaufen besonders attraktiv ist.

Da mag die Rückseite des Bahnhofs am Bertha-von-Suttner-Platz manchem wesentlich problematischer erscheinen. Denn wo einst der Anschuss der Stadt nach Oberbilk geplant war, steht heute eine monumentale Sackgassenarchitektur mit Angstraumpotenzial. Auch wenn der architektonische Gigant aus den 80er Jahren sein Ziel nahezu peinlich genau verfehlt hat, messen ihm manche – vielleicht gerade deshalb – heute schon wieder Kultstatus zu.

Da, wo sich die Runde dann schließt und in Zukunft mit dem „Grand Central“ ein neues Wohngebiet entstehen wird, folgen noch zwei kulturelle Hochburgen mit tanzhaus nrw und Capitol. Der Weg von ihnen zum Worringer Platz bildet jedoch wiederum eine dunkle Passage, so dass die beiden Spielstätten in Insellage geraten.

 

DAS PROJEKT

 

Dem Passanten, der sich mit viel Mühe zu Fuß oder per Rad einen Weg durch das komplexe Terrain bahnt, wird also schnell klar, was das Projekt „Von fremden Ländern in eigenen Städten“ als Anfangsstatement deutlich machen will: Dem Stadtraum um den Hauptbahnhof fehlt es weniger an interessanten und engagierten Akteuren denn an einer schlüssigen Choreografie. An einer Dramaturgie, die die Anlieger, Akteure und Attraktionen dieses besonderen Raums verknüpft und sichtbar werden lässt. Ob Größen der Kultur wie Tanz- oder Schauspielhaus, Projekträume, Ateliers und Galerien, aber auch die alltagskulturellen Akteure, die in multikulturellen Szenen das Viertel in ein internationales Quartier zwischen Asien und Afrika, Europa und Amerika verwandeln, oder die sozialen Akteure wie Bahnhofsmission und Diakonie: Sie alle bleiben weitgehend unsichtbar und isoliert.

Das Projekt „Von fremden Ländern in eigenen Städten“ möchte hier Abhilfe schaffen und die verborgenen Qualitäten des Terrains sichtbar machen und miteinander verknüpfen. In einem ersten Schritt zeigen lokale Akteure, Anwohner, Künstler und Interessierte in ganz besonderen Stadtführungen und Aktionen ihre Perspektive auf das Viertel. Mit ihnen gehen wir auf eine Reise in die eigene Stadt und entdecken das Bahnhofsviertel neu als unbekannten Raum. Neu als einen Ort kultureller Komplexität zwischen Hoch- und Subkultur, als einen Ort gelebter Multikulturalität. Neu als einen Ort sozialer und gesellschaftlicher Spannungen, der zusammen mit seinen Bewohnern nach einer Zukunft im Miteinander sucht. Neu als lange vernachlässigten Stadtraum, der sich mit mannigfaltigen Neuplanungen konfrontiert sieht und sich zwischen Vergangenheit, Jetzt und Zukunft sortieren muss. Neu also als einen Raum im Umbruch, als einen letzten offenen Raum der Stadt, in dem eine noch offene Zukunft zur Diskussion steht, die gemeinsam ausgehandelt werden muss.

 

EINE AUSSTELLUNG 2018

 

Auf die Reise gehen mit uns im Jahr 2017 zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, Theatermacher, Regisseure, Tanz- und Theatergruppen. Sie folgen den Erzählungen der Akteure und des Raums, um für eine große Ausstellung im Jahr 2018 mit bildender Kunst, Tanz-, Theater- und Filmprojekten Arbeiten zu entwickeln, die sich direkt am Kontext Bahnhofsumfeld orientieren. Die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler zeigen im nächsten Jahr deren Perspektiven, Statements, Vorschläge und Spekulationen für die Zukunft dieses Stadtraums. Parallel entsteht ein umfangreiches Programm, das die Ausstellung zu einem interdisziplinären Festival im Stadtraum werden lässt. All dies geschieht gemeinsam mit denjenigen, die den Nukleus des Projekts und des Ortes bilden: die Akteure des Bahnhofsviertels. Sie kooperieren mit den Künstlerinnen und Künstlern, entwickeln eigene Projekte oder zeigen ganz einfach, wie sie die Zukunft des Viertels sehen.

Schon heute sind alle herzlich eingeladen, den Prozess nicht nur zu begleiten, sondern aktiv an ihm teilzunehmen. In verschiedenen Formaten besteht dazu bereits jetzt die Möglichkeit. Ob beim monatlichen Akteurstreffen, auf den angebotenen Touren oder in kommenden Projekten: Im Zentrum des mehrjährigen Projekts „Von fremden Ländern in eigenen Städten“ steht das Denken und Handeln jener, die gemeinsam nach der offenen Zukunft eines außergewöhnlichen Stadtraums suchen.

In der ersten Phase geht das Projekt „Von fremden Ländern in eigenen Städten“ mit Künstlerinnen und Künstlern, Stadtforscherinnen und Stadtforschern, den Akteuren des Viertels und der Bevölkerung den verborgenen Qualitäten des Bahnhofsquartiers nach. In thematischen Führungen durch die jeweiligen Stadtteile, Lesungen an ungewöhnlichen Orten, künstlerischen Projektvorstellungen im Umfeld ihres späteren Kontexts, kulinarischen Rundgängen oder kleinen Forschungsprojekten sucht das Projekt nach den originären Erzählungen der einzelnen Viertel und zeigt erste Kooperationen mit Akteuren des Quartiers.

„Von fremden Ländern in eigenen Städten“ untersucht in einem über 2 Jahre angelegten interdisziplinären Recherche- und  Ausstellungsprojekt das Bahnhofsviertel als städtische Typologie und lokales Modell internationaler Spannungsfelder zwischen globaler Fluktuation und Heimat, zwischen Flucht und Migration, zwischen Multikulturalität und der forcierten Konfrontation verschiedener Kulturen. Nicht nur als Passagenraum, sondern auch als Empfangsort und multikulturelle Schnittstelle der Städte von Interesse, beherbergt es wie kaum ein anderes Quartier heterogenste gesellschaftliche Gruppen, Nationalitäten und Religionen. Dazu steht es ökonomisch unter Druck. Denn der Rückzug von Großakteuren wie Bahn oder Post bietet Städten und Investoren attraktive ökonomische Möglichkeiten im Zentrum der Städte.

Das Projekt begreift sich als Langzeitprojekt. In einer öffentlichen Forschungsphase in 2017 wird mit Künstlern, Stadtforschern und der Bevölkerung den Narrativen des Stadtraums “Bahnhofsviertel“ nachgegangen. Im Jahr 2018 zeigen sich die Ergebnisse dieser Forschungsphase in einem großen Ausstellungsprojekt mit Kunst im öffentlichen Raum, Theater- und Tanzproduktionen, Filmprojekten und Kooperationen mit den Anliegern des Viertels. Der Prozess wird begleitet von einer Diskussion, die nachhaltige Erkenntnisse für aktuelle und folgende Stadtplanungsprozesse generiert.