Von fremden Ländern in eigenen Städten
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DIE WELT IST NEBENAN: EINE LITERARISCHE WANDERUNG IM, UM UND ÜBER DAS MULTIKULTURELLE BAHNHOFSVIERTEL

Fr, 04. August, 19 Uhr

 

DIE WELT IST NEBENAN:
Eine Literarische Wanderung im, um und über das multi-kulturelle Bahnhofsviertel

 

Pamela Granderath, Frank Schablewski, Mithu Sanyal, Horst Eckert / Literaturbüro NRW

„Die Welt ist nebenan!“ hieß es, als im Rahmen einer langen Erlebnistour das Viertel um den Düsseldorfer Hauptbahnhof literarisch beleuchtet wurde: Vier Düsseldorfer AutorInnen haben zu jeweils einer dieser Welten einen ganz persönlichen Text verfasst und ihn während einer abendlich-nächtlichen Erkundungstour an jeweils zum Text passenden Stationen gelesen.

 

„Wäsche rein Tür zu“ lautet die Bedienungsanleitung im Waschsalon von Mommodou Jallow an der Querstraße in Bilk. Die Fototapete  mit Palmen vor blauem Meer macht auch an den trübsten Waschtagen gute Laune, und auch die phantasievolle, mit einer Kombination aus deutschen und jamaikanischen Farben Flagge, bezeugt: Globaler kann es kaum werden in Düsseldorf als in dem multiethnischen Viertel hinter dem Bahnhof, in dem auch die Schriftstellerin Mithu Sanyal aufgewachsen ist und dem sie bis heute die Treue hält. Um den großen Begriff Identität kreist ihr Text „Schau mir in die Augen Oberbilk“, in dem es heißt:

Wer bin ich? Das ist die Frage, die mir seit ich denken kann, gestellt wird.

 

Manchmal auch in der verwirrenden Variante: Was bist du?

 

Ich würde darauf gerne „eine Milchtüte“ antworten oder  „Der Geruch eines Vogelschreis bei Sonnenaufgang“ oder „ein abstraktes Prinzip wie Religion, Wahrheit oder Identität“, doch komme ich nie dazu, weil mir immer sofort erklärt wird: Du bist eine Deutsche/keine Deutsche/eine Inderin/keine echte Inderin/eine Polin, da solltest du stolz drauf sein/genauso wie wir/genauso wie wer auch immer …

 

Das wäre natürlich super: So viele Identitätsangebote.

 

Nur, dass das keine Angebote sind, was ich spätestens merke, wenn ich sie ausschlage. Nein sagen, ist in Ordnung, wenn es um Sex geht, aber nicht, wenn es darum geht, eine natürliche Vertreterin eines so wenig natürlichen Konzepts wie „Nation“ zu sein.

 

Ich hatte ein Trinkspiel mit Jasmina, dass es Zeit für einen Killepitsch war, wenn der nächste Satz mit den Worten anfing: „Du musst das so sehen …“ Als wäre Sehen etwas, was ich bewusst beeinflussen könnte: Heute sehe ich den Volksgarten, morgen die Volksbühne und übermorgen den Volksaufstand. 

 

„Ihre Nationalität ist Trinkerin“, erklärte Jasmina deswegen in der Regel. Und interessanterweise gaben sich bisher alle damit zufrieden: Aha Trinkerin, dann gehörst du natürlich dazu! Schließlich besingen wir den Alkohol in unserer Nationalhymne.

 

aus „Schau mir in die Augen Oberbilk“ von Mithu Sanyal

Vorbei an der beliebten Patisserie und Bäckerei Casablanca an der Ellerstraße, einem marokkanischen Hamann und der amerikanischen Tabledance-Bar Flamingo an der Mintropstraße zog die Gruppe weiter in die Bismarckstraße, wo unbestritten der beste Frappé außerhalb Griechenlands serviert wird. Statt des kühlen Kaffeegetränks musste mit Feigenplätzchen aus der Picknicktasche vorliebgenommen werden, denn der nächste Lesungsort war das griechische Reisebüro Transhellas Reisen: Hier werden Sehnsüchte bedient; Fast täglich startet von hier aus der Langstreckenbus in die Wiege Europas, und von dem berühmten „Leben zwischen den Welten“ erzählt auch Pamela Granderath in ihrer Geschichte „Zwischen Metropolen und Metropol“. Hier ein Ausschnitt:

Nach dem Unterricht braucht sie wie immer eine Pause, denn die 26 Teilnehmenden ihres Integrationskurses haben sie sehr gefordert. (…) Als sie das klimatisierte Gebäude hinter dem Hauptbahnhof verlässt, kommen ihr gut 30 Grad Außentemperatur entgegen und sie freut sich über die sengende Hitze. Das mag sie sehr, wenn es richtig heiß ist. Kurz überlegt sie, ob sie zu einem der Touri-Cafés an der Promenade fahren soll, denn sie liebt die leichte Brise am Wasser, oder in ihre Lieblingsbäckerei, die den besten Rivani backen. Der in Läuterzucker getränkte Grießkuchen dort schmeckt genau wie bei ihrer Großmutter. Dann vergisst sie regelmäßig für einen kurzen Moment, wo sie ist, in Chalkidiki oder im Café Metropol auf der Bismarckstraße.

 

Als die Kellnerin kommt, begrüßt Elefteria sie freundlich. Auf Griechisch bestellt sie einen Frappé und mit einem zufriedenen Lächeln den geliebten Rivani.

 

Das erste Mal, dass sie das Metropol betreten hatte, war 1968 an der Hand ihrer Mutter. Elefteria war damals vier Jahre alt und die Eltern hatten sie vor kurzem nach ihrem Heimaturlaub nach Deutschland mitgenommen. Beide waren Jahre zuvor mit einem befristeten Arbeitsvertrag in das fremde Land gereist, hatten sich in einer Nagel- und Schraubenfabrik auf der Fichtenstraße kennengelernt, geheiratet und ein Kind bekommen. Als sie einige Jahre später unbefristete Verträge erhielten, konnten sie ihre Tochter zu sich holen. Elefterias fünfter Geburtstag sollte mit einem traditionellen griechischen Kuchen gefeiert werden, und diesen konnte man im Metropol bestellen – auf Griechisch, denn weder Vater noch Mutter hatten ausreichende Sprachkenntnisse, um die Zutaten im Supermarkt zu kaufen. Sie wollten auch nicht wirklich Deutsch lernen, sie wollten nur noch ein paar Jahre arbeiten, dann zurück nach Chalkidiki, um mit den Ersparnissen auf dem Grundstück der Großeltern ein Haus zu bauen.

 

aus „Zwischen Metropolen und Metropol“ von Pamela Granderath

Wer bunte Stoffe und schmackhafte Platanos kaufen möchte oder die Geduld mitbringt, sich die Haare zu vielen kleinen Zöpfen flechten zu lassen, ist in Düsseldorf richtig an der Kölner Straße. Die Kreation einer Rastafrisur braucht eben seine Zeit, und die Haarkünstler im African House ließen sich weder irritieren von dem eintreffenden Publikum noch von der spannenden Geschichte, in der Horst Eckert das Viertel porträtiert:

Das Ghana-House hatte noch geöffnet. Im Fenster stapelten sich Haarpflegemittel. Drinnen bestand das Angebot vor allem aus langen Haarteilen in allen Farben sowie aus bunt gemusterten Stoffen. Hinter der Kasse stand ein junger Schwarzer.

„Hi!“, grüßte er.

Für einen Moment war Sarah versucht, ihn auf Englisch anzusprechen, so fremd erschien ihr der Laden. Dann besann sie sich darauf, dass sich der Verkäufer vermutlich ebenso zu Düsseldorf gehörig fühlte wie sie.

„Ich suche einen Mann aus Kenia. Er heißt Joseph und müsste ungefähr zwischen dreißig und vierzig Jahre alt sein.“

Der Verkäufer schüttelte den Kopf. „Aus Kenia? Tut mir leid.“

Wenige Häuser weiter erreichte Sarah den Salon de Rasta. Ein verblichenes Foto präsentierte allerlei Frisurenbeispiele. Sarah beschloss, sich auch hier umzuhören. Wo, wenn nicht beim Friseur, tratscht man über Leute und tauscht man Neuigkeiten aus?

Der Chef rasierte den Kopf eines Mannes. Ein Angestellter fegte den Boden. Drei Frauen unterhielten sich.

„Ich suche einen Mann aus Kenia“, sagte Sarah.

„Wie wär’s mit einem Kerl aus Senegal?“, fragte der Friseur und legte die Hand auf seine Brust.

Alle Leute im Raum lachten.

Der nächste Salon nannte sich Hair-Design – Rasta und Haarverlängerung. Auch hier kam Sarah nicht weiter. Zuletzt stand sie vor einem Eingang mit der Aufschrift First African Remittance Ltd.

Sarah verzichtete darauf, hineinzugehen.

Ihr war klar geworden, dass sie Hilfe brauchte.

Horst Eckert

Er ist legendär, der „beste Döner in Düsseldorf, mit Soße noch besser“ am Worringer Platz, der seine literarische Krönung erfuhr durch den an einer Hauswand prangenden Vers des türkischen Lyrikers Ilhan Berk. Das poetische Potential des Platz brachte Frank Schablewski vor einem kleinen Kiosk-Café zu Bewusstsein, dessen Inhaber schon in der zweiten Generation hier wirtschaften und überzeugt sind: Mit den Türken hat alles angefangen! Die freundlichen Menschen vom Bosporus waren es, die den Grundstein gelegt haben für die fremden Welten in der eigenen Stadt. Ganz am Anfang war aber bekanntlich das Wort, und faszinierende Wort-Brücken zwischen den Sprachwelten baute Frank Schablewski:

Simit, das ringförmige Gebäck, Kringel, fein gestoßener Bulgur, Rettungsring in der fremden Sprache, die den Gast arbeiten lässt, nicht Freude über das Kommen ausspricht, sondern nur die Schweißperlen als wertvollsten Schmuck des Fremden ansieht, als ob das Eigene immer im Schweiße seines Angesichts steht. Die Kringel werden nicht auf dem Kopf eines Verkäufers herumgetragen, als könnten sie das Straßengeschäft als Schein heiligen. Das Gebäck ist aus feingemahlenem Weizen, das Stroh auf dem Feld klingt nach der Zeit, nur das S wird schärfer ausgestoßen, saman – zaman, Zeit ist Stroh, das auf Feldern in Sekundenschnelle verbrennt. Der Kringel ist ein zeitloses Zifferblatt, kein Zeiger bestimmt die Stunde des Verzehrs. Simit Saray ist ein Schloss, ein Palast, in dem das Gebäck glänzt. Aber das Schloss fehlt hier im Namenszug, der Palast ist in der Heimat geblieben, als gäbe es nur ein Frieden der Hütten. Sar ist die (Blut-)Rache, ay ist der Mond. Der Palast ist ein Blutmond.

 

Den ganzen Tag scheinen die Wege der Menschen, die vorbeigehen, endlos. Mancher sitzt stundenlang an einem Glas Tee, der die Farbe nicht wechselt. Kerne werden geschält mit der Zunge zwischen den Zähnen oder Zuckerwerk wird genascht. Da wird geraucht, während ein heimlicher Kummer an den Herzen feilt. Keine Wasserwege oder Wasserstraßen, höchstens ein blauer Himmel unter den vielen grauen hängt über den Stromleitungen im Netz aus Straßen und Schienen, das ausgeworfen scheint für die Neuankömmlinge. Keine Fähren legen an oder ab. Zebrastreifen kennzeichnen die gefahrlosen Übergänge der Straße, als wäre wie in der Wildnis der einzelne Mensch wie das einzelne Tier in der Menge unkenntlich. Es ist die letzte Wildnis zu Füßen der Fußgänger in den Stoßzeiten.

 

 

Frank Schablewski

Komplett nachzulesen sind die Texte in einem Booklet, das mit Fotos von Markus Ambach den Abend dokumentiert und gegen eine Schutzgebühr von 5,- € beim Literaturbüro Düsseldorf, Bismarckstraße 90, 40210 Düsseldorf, Telefon 0211-8284590, maren.jungclaus@literaturbuero-nrw.de erhältlich ist (ab 7. Dezember 2017)

 

Die Buchvorstellung mit Lesungen aller vier AutorInnen findet statt am
Donnerstag, 7. Dezember, 19.30 Uhr
Literaturbüro NRW
Bismarckstraße 90
40210 Düsseldorf
Eintritt: Spende