Von fremden Ländern in eigenen Städten
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REENACTING THE ARCHIVE PART 1 (1880 bis 1902) – EINE INSTALLATIVE PROZESSION

Sa, 08. Juli  17 Uhr

 

REENACTING THE ARCHIVE PART 1 (1880 bis 1902)
Eine installative Prozession

 

Claudia Bosse, Günther Auer, theatercombinat / FFT Düsseldorf

Veranstaltung

Ich habe die Teilnahmebedingungen gelesen und akzeptiere sie.

► Teilnahmebedingungen und Sicherheitshinweise

In ihrer installativen Prozession setzt sich Claudia Bosse, die schon mit mehreren ortsspezifischen Theaterprojekten in ungewöhnlichen Kontexten im öffentlichen Raum Düsseldorfs aktiv geworden ist, mit im Stadtarchiv dokumentierten Ausstellungskonzepten und –architekturen und deren Verhältnis zur Düsseldorfer Stadtgeschichte auseinander:
„eine postkarte: ‚arabisches dorf‘, düsseldorf 1902. das war der anfang dieses projektes: REENACTING THE ARCHIVE. es verbindet recherchen im stadtarchiv düsseldorf mit aktionen im stadtraum.

 

wanderschauen in düsseldorf

düsseldorf war seit ende der 1870er jahre ein beliebter anlaufpunkt verschiedener völkerschauen. ‚fremde kulturen‘ wurden im rahmen von ‚mechanischen theatern‘ oder wandernden sammlungen dargestellt, die ethnografische reproduktionen zusammen mit totenmasken deutscher denker oder zoologischen präparaten ausstellten. ebenso bereisten thematische völkerschauen die stadt, die dorfgemeinschaften und familien in ‚originalen lebensbedingungen‘ der jeweiligen kultur darstellten. tatsächlich handelte es sich um transportable fiktionalisierungen. darauf verweisen bereits die titel dieser schauen: ‚afrikanische wüstenjäger‘, ‚somali karawane‘, ‚lappländerkarawane‘, ‚matabele warrior‘ oder ‚samoa schau‘. diese ausgestellten gemeinschaften waren für die wandernde schau gecastete ensembles, manchmal bestanden tatsächlich familienbande.

 

in artikeln über die ‚somali karawane‘ (1889) und die ‚malatebe warrior‘ (1894), die sich in verschiedenen zeitungen im stadtarchiv düsseldorf finden, sind zugleich faszination und befremden gegenüber anderen kulturen sowie stets ideologische abgrenzung der ‚überlegenen‘ eigenen kultur gegenüber der anderen lesbar. überdauern bestimmte zuschreibungen bis heute oder sind sie von der jeweiligen zeit und deren techniken der repräsentation geprägt? ist dieses historische kulturelle framing überwunden und sind heute andere faktoren grund für kulturelle abgrenzungen, kapitalisierung oder exotisierung anderer kulturen?

 

die deutsche industrie-, gewerbe- und kunstausstellung in düsseldorf 1902

seit der weltausstellung in chicago 1893, der industrieausstellung 1896 in berlin und der brüsseler weltausstellung 1898 wurden ‚kolonialaustellungen‘ selbstständige ausstellungsformate. ‚arabische dörfer‘ mit teesalon, derwischen, musikdarbietungen, bauchtanz, kamelen sowie orientteppich-verkauf bildeten seither ein eigenes genre, das auch im rahmen der deutschen industrie-, gewerbe- und kunstausstellung in düsseldorf 1902 platz fand. das ‚arabische dorf‘ (auch ‚cairo strasse‘, ‚orient strasse‘ oder aber ‚kairo‘ genannt) befand sich auf einem areal nahe des rheins. die ausstellung, die von der düsseldorfer künstlerschaft in kooperation mit der rheinischen industrie organisiert wurde, beinhaltete industriegüter, kunst, kriegsmaschinen, betonerzeugnisse, temporäre baukunst sowie kunstgewerbliche fertigkeiten. der vergnügungsbereich war bestückt mit einem alpenpanorama, einem alt-trierer haus, einem nachgebauten ‚suldental‘ und ‚zillertal‘ sowie einem angrenzenden see, auf dem ‚seegefechte der marineschauspiele‘ zweimal täglich angeboten wurden. 100 araber und 30 nubier lebten im arabischen dorf (laut unbelegter quellen), welches der ökonomisch erfolgreichste teil der ‚attraktionen‘ war. fast alle facetten dieser ausstellung wurden statistisch erfasst: der tägliche bierkonsum, stromverbrauch, todesfälle etc. aber wer diese 130 menschen waren, woher sie kamen, wer sie dorthin brachte, ist im stadtarchiv nicht herauszufinden. postkarten, die man käuflich erwerben konnte, zeigen einige von ihnen in einer marktszene, andere in einer arabische schule vor orientteppichen, gesäumt von schaulustigen. wieder andere in einem orientalischen teesalon oder aber in einer fotografischen frontalaufstellung des ‚nubischens dorfes‘: kamele, aufseher, besucher, exotisch bekleidete fremde im orientalischen ambiente. eine künstliche szenerie mitten in der stadt, die man begehen und in der man sich aufhalten kann. ein immersives setting für kulturelle grenzerfahrungen am rhein, der in der imagination eines journalisten zum nil wird. wer waren diese menschen, die dort vom 1. mai bis 20. oktober 1902 täglich von zehn bis 24 uhr so etwas wie alltag performten und zugleich versuchten, orientalische güter zu verkaufen? wer machte den gewinn aus dieser unternehmung? welche begegnungen fanden in diesem bühnenhaften ensemble statt?

 

was bedeutet diese inszenierung eines arabischen stadtteils in der temporären architektur einer großen industrieausstellung in düsseldorf? eine ausstellung mit rüstungsindustrie, kunst und 5,5 millionen besuchern.

 

reenacting the archive

aus den recherchierten dokumenten und displays der ausstellungen sollen performative versuchsanordnungen sichtbarkeit im städtischen raum erzeugen. es geht um eine anrufung kultureller identitäten, eingeschrieben in spuren der stadt: temporär inszenierte fremdheiten, die sich auf historische konstellationen beziehen, sich fiktionen erlauben, um unsere urbane gegenwart zu verunsichern.

 

am 8. juli findet mit part 1 (1880–1902) eine prozession mit objekten statt. sie beginnt am stadtarchiv und wird als mobile installation durch die stadt mit einer lecture zu den recherchen verknüpft. die prozession wird begleitet von reenactments einzelner fotografien, die als situative überschreibungen des heutigen städtischen ensembles entstehen.“

 

Claudia Bosse

Format:
Installative Prozession

 

Ort:
Treffpunkt vor dem Stadtarchiv Düsseldorf
Worringer Str. 140

 

Anmeldung:
um Anmeldung wird gebeten unter
info@fft-düsseldorf.de

 

Teilnahmegebühr:
kostenfrei

 

Veranstalter:
FFT Düsseldorf in Kooperation mit dem Stadtarchiv Düsseldorf. Ein Projekt im Rahmen des Bündnisses internationaler Produktionshäuser, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

 

Sonstiges:
Auf allen Führungen gilt die StVO!